Stephanies
        Strickseiten

Geschichte

Die Geschichte des Strickens

 

Die Kunst des Strickens ist uralt, es ist eine der ältesten Stoff bildenden Techniken überhaupt. Die Wissenschaft nimmt wohl mit Recht an, daß Stoffe, bei denen Maschen die Grundformen bilden, eher gefertigt wurden als solche, die durch die Bindung von Fäden entstehen, also gewebt sind. Maschen können ohne jegliche Hilfsgeräte - mit den Fingern, mit den Zehen - gebildet werden. Dem Stricken ging wohl eine Flechttechnik voraus, beider man in einen vorgespannten Faden Schlingen einhängte; dieser Arbeitsgang konnte in hin- und hergehenden Reihen, aber auch in der Runde ausgeführt werden. Das entstehende Gewebe ist dehnbar, die auf diese Weise gebildeten Maschen" stehen horizontal übereinander wie beim Stricken, der Arbeitsfaden ist nicht unendlich lang, aber er kann immer wieder neu angelegt werden. Später mag man die Maschen mit zwei Nadeln, die aus Knochen oder Holz gefertigt waren, in der Weise gebildet haben, wie wir es heute beim Stricken noch tun. Aus einer Anfangsschlinge, die auf der linken Nadel liegt, wird mit einer zweiten Nadel eine neue Schlinge durchgeholt und als Masche zu den vorhandenen Schlingen auf die Nadel gehoben.

In mitteleuropäischen Ländern ist es allgemein üblich, eine Stricknadel in der rechten, eine mit der linken Hand zu halten und den vom Wollknäuel kommenden Faden um die Finger der linken Hand zu leiten. Südlich der Alpen, in Frankreich und auch in der Türkei handhabt man es anders: Die rechte Hand führt den Faden, die rechte Nadel wird unter den rechten Oberarm geklemmt und von diesem gehalten. Die Nadelspitze führt durch die Masche auf der linken Nadel, der Faden wird über die Nadelspitze gelegt und jetzt die Masche der Vorreihe darüber gehoben.

 

Stricken ist vermutlich schon im Altertum bekannt gewesen, denn auf griechischen Vasen tragen Amazonen sehr enganliegende strumpfartige Hosen, die schwerlich aus einem gewebten Stoff genäht sein können. Auch in Gräbern römischer Legionäre sind Strümpfe aus einem Maschengewebe gefunden worden. Aus der Zeit um 500 bis 700 n. Chr. ist eine Socke erhalten geblieben, entdeckt in einem koptischen Grab; auch sie ist gestrickt oder in der schon beschriebenen Flechttechnik" gearbeitet. An dieser Socke ist - wie an unseren Fäustlingen der Daumen - die Umhüllung für die große Zehe vom übrigen Füßling getrennt.

 

Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Kunstfertigkeit des Strickens über die Jahrhunderte hinweg in Vergessenheit geriet. Im 13. Jahrhundert wird in Italien wieder gestrickt; erhalten geblieben sind aus dieser Zeit die Handschuhe Papst Clemens' V. Auch die Spanier sollen um diese Zeit das Stricken beherrscht haben, und zwar lernten sie es von den Mauren. Vieles spricht dafür, daß das Stricken auch in Amerika selbständig erfunden worden ist. In einer peruanischen Totenstadt fand man einen Handschuh, der wahrscheinlich schon vor der Zeitenwende entstanden ist.

 

Italienische Kunsthandwerker, sollen das Stricken nördlich der Alpen wieder eingeführt haben. Eine Straßburger Zunftordnung besagt, daß das Gewerbe aus Prag stammt. Jedenfalls sind aus dem 16. Jahrhundert viele Zeugnisse über das Vorhandensein gestrickter Gegenstände erhalten geblieben. So hören wir z. B. im Jahre 1519 von der Herstellung gestrickter Strümpfe in Nottingham; diese englische Industriestadt ist auch heute noch ein Zentrum der Strumpfindustrie.
Von spanischen Seeleuten, die in der Nähe der Shetland-lnseln Schiffbruch erlitten hatten, sollen Bewohner von Fai Isle die Buntstrickerei erlernt haben. Von den Mustern der Sweater irischer Fischer, die die Inseln der Westküste bewohnten, war abzulesen, ob es ein Wochen- oder ein Festtagspullover war. Am weitesten verbreitet sind heute die Muster von den Aran-lnseln. Ähnlichen Mustern, bei denen die verkreuzten und verzopften" Maschen die Musterung bestimmen, begegnet man aber auch in der bäuerlichen Strickerei in Mittel- und Osteuropa.
Strümpfe für Heinrich VIII. sollen um 1539 in Venedig oder Mailand hergestellt worden sein; aus Seide gestrickt, waren sie zur damaligen Zeit ein Luxus, den sich nur der reiche Adel leisten konnte. So waren gestrickte Strümpfe als Geschenk hoffähig". Durch die mechanische Herstellung sind Strümpfe billiger geworden, so dass sich wohlhabende Bürger gestrickte Strümpfe auch leisten konnten.

 

Wie es zur Erfindung der ersten Strickmaschine" kam, erzählt folgende rührende Geschichte: William Lee lernte als Student der Universität Cambridge ein armes Mädchen kennen, in das er sich Hals über Kopf verliebte und sofort heiratete. Sein Amt als Prediger brachte so wenig ein, daß die junge Frau Geld hinzu verdienen mußte. Sie strickte mit Fleiß und Ausdauer Strümpfe. Er grübelte darüber nach, wie er seiner seiner Frau helfen könnte; ein Gerät zu erfinden, das die Strümpfe schneller strickte als ihre flinken Hände. Es war nicht einfach, ohne Hilfe der Finger die Maschen mit den glatten Nadelspitzen herzustellen. Schließlich kam er auf die Idee, die Nadelspitzen zu einem winzigen Häkchen umzubiegen; das war die entscheidende Lösung. Im Jahre 1589 konnte er den ersten richtig funktonierenden Handkulierstuhl vorführen, der bereits sechsmal schneller arbeitete als die Hand. Lees Erfindung wurde zunächst in Frankreich ausgewertet, wohin er mit seinem Bruder ausgewandert war. Später kam sie durch französische Auswanderer in andere Länder des Kontinents.
Als Handwerk wurde das Stricken zur damaligen Zeit nicht von Mädchen und Frauen ausgeübt, sondern Männer beschäftigten sich damit. Noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Stricken zunftpflichtig"; die Zunft der Stricker wurde der Tuch- und Barettmacherinnung unterstellt. Das Stricken gewann schon nach wenigen Jahrzehnten solche Bedeutung, daß vorgeschrieben wurde, bei der Ablegung der Meisterprüfung auch einen Strickteppich fehlerlos herzustellen. Diese Strickteppiche und -decken sind ausgestattet mit reichen Tier- und Pflanzenornamenten. Nach der Fertigstellung wurden die Teppiche durch heißes Wasser gezogen, wodurch sie verfilzten, und nachher geschoren. Das Maschenbild verschwand, und man war lange Zeit im Zweifel über die Art der Herstellung. Die älteste erhaltene Arbeit wurde im Heimatmuseum in Neiße verwahrt, entstanden um das Jahr 1667. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg können wir einen Strickteppich aus dem Jahr 1690 bewundern, dessen Farben sich bis auf den heutigen Tag besonders gut erhalten haben; er hat ein Ausmaß von 174 x 160 cm.. Aber nicht nur Meisterteppiche sind im 17. und 18. Jahrhundert entstanden; auch für den häuslichen Bedarf wurde fleißig gestrickt. In einem Frauenzimmer-Lexikon", das im Jahre 1739 erschienen ist, heißt es unter anderem: Stricken ist eine Wissenschaft (!), Strümpfe, Handschuhe, Camisöler, Mützen, Sachen von Seide, Wolle, Zwirn oder Garn vermöge der dazu gehörigen Stricknadeln künstlich ineinander zu schlagen und jedem Stück die gehörige Form zu geben."
Ist von prominenten Strickern des 18. Jahrhunderts die Rede, so wird Marie Antoinette genannt und auch von Friedrich dem Großen wird behauptet, daß er sich in seinen Mußestunden ab und zu auch mit Stricknadeln die Zeit vertrieb.
Ein Jahrhundert später, in der Biedermeierzeit, war man mit besonderem Fleiß beim Stricken. Jetzt waren es nicht allein Strümpfe und Handschuhe, Mützen und Camisöler", die man mit Eifer strickte. Zur Wohnkultur des Biedermeiers gehörten auch Decken für den Familientisch, die großen Spreizdecken für das Doppelbett, Gardinen für die Fenster. Aus feinstem Leinenzwirn und mit ganz dünnen, biegsamen Nadeln aus Draht strickte man Babyhäubchen in feinen, hauchzarten Spitzenmustern, Muster, die wir auch heute noch kennen und in Baumwollgarn oder Wolle gern stricken. Ebenso übte man das Perlenstricken mit Ausdauer, Blumengemusterte Beutel entstanden, an denen man die Maschen nicht mehr erkennen kann, denn mit jeder Masche ist eine Perle eingestrickt; eine wirklich mühsame Beschäftigung, denn ehe man ans Stricken gehen konnte, mußte rückgehend dem Muster Reihe für Reihe oder Runde für Runde folgend - eine bunte Perle um die andere auf den Arbeitsfaden aufgezogen werden. Auch Babyhäubchen wurden mit Borten aus bunten Perlen verziert. Als Vorlage dienten Typenmuster, in denen für jede Farbe ein anderes Zeichen eingetragen war. Gestrickte Strümpfe blieben im Biedermeier große Mode, nachdem Paris eine fußfreie Rocklänge vorschrieb, wurden sie zum wichtigen Requisit. Man strickte sie vorwiegend aus weißer Baumwolle, verzierte sie mit Stickereien am Zwickel und Spitzenmustern im Fußblatt. Oft wurden in den Rand des Strumpfes nicht nur die Anfangsbuchstaben des Namens, sondern auch Ort und Entstehungszeit in Linksmaschen oder mit winzigen Perlchen verewigt. In Modejournalen und Frauenblättern aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begegnen wir immer häufiger Strickanleitungen für Röckchen, Mantillen, Umhänge, und warmer Wäsche.

 

Während des ersten Weltkrieges waren es in erster Linie wieder warme Hüllen für den Winter wie Socken, Puls- und Kniewärmer, Mützen und Schals gestrickt. In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts verlor der handgestrickte Strumpf mehr und mehr an Bedeutung, die Industrie übernahm die Herstellung. Lediglich in der Sport- und Trachtenmode behielten die Handgestrickten ihren festen Platz, Der Sweater wandelte sich in jenen Jahren zum Pullover. Und seither - je nach Absicht der Haute Couture - ist die Strickmode mal sportlich salopp, mal figurbetonend eng. Das Stricken mit der Hand ist ein Hobby, das nicht allein entspannt und die Zeit vertreiben hilft, sondern bei dem auch nützliche und schöne Dinge entstehen.